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Kuhherde im Abendlicht · Blighty, Australien

Farmalltag in Australien

Nach nun über 3,5 Monaten ist für uns auf der Dairy Farm der Alltag eingekehrt. Noch immer schälen wir unsere trägen Körper täglich um 3 Uhr nachts aus dem Bett, melken Kühe, füttern Kälber und mischen das Futter für rund 800 Kühe. Oft fällt uns das Aufstehen schwer, aber wenn man erstmal auf den Beinen ist spielt es eigentlich keine Rolle ob es 3 Uhr oder 8 Uhr ist. Die Arbeit mit den Tieren bringt dabei eine gewisse Grundmotivation mit sich. Selbst wenn wir aus irgendeinem Grund gar keine Lust auf die Arbeit hätten oder gar krank wären würden wir trotzdem aufstehen, denn die Kühe warten darauf gefüttert und gemolken zu werden und sie haben sich ihr Leben nicht ausgesucht. Man fühlt sich verantwortlich und nichts läge uns ferner als den Tieren zu schaden, denn wir lieben sie.

Der Gedanke an einen normalen Bürojob ist momentan so weit entfernt wie nur irgend möglich. Die körperliche Arbeit auf der Farm ist sehr befriedigend. Wenn man sich Abends unter der Dusche den Dreck vom Körper abwäscht, weiß man, dass man etwas getan hat. Jeden Tag in der Natur zu sein, jeden Tag den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang sehen zu können ist wie ein Geschenk. Wenn man Abends die Farm verlässt und alle Kühe glücklich am Fressen sind, sieht man das tatsächliche Ergebnis seiner Arbeit, was ein unheimlich gutes Gefühl ist. Leider ist das in der IT oft nicht so.

Als wir Anfang Januar unsere Arbeit auf der Farm begonnen hatten, vergingen die ersten Wochen wie im Flug. Damals dachten wir, wow, drei Monate oder mehr werden genau so schnell vergehen. Natürlich war dem nicht so, denn wenn die Arbeit langsam zum Alltag wird und man sämtliche Arbeitsschritte kennt, vergeht auch die Zeit langsamer. Nach ungefähr der Hälfte der Zeit wurden die Tage zäher und wir schleppten uns an manchen Tagen förmlich über den Hof. Da wir die Farm Mitte Mai, also in ca. 3-4 Wochen, verlassen werden vergehen die Wochen mittlerweile wieder schneller und zum ersten Mal geistern einem Gedanken des Abschieds durch den Kopf. Eines ist klar: Der Abschied wird ein emotionaler werden. Wie man aus unseren Tiergeschichten wohl heraus hören konnte sind uns die Hunde, und natürlich vor allem die Kühe, sehr ans Herz gewachsen.

Kühe machen glücklich

Wir lieben diese Tiere einfach, jeder Tag mit ihnen verläuft anders und man ist sich nie sicher, was als nächstes passiert. Kühe haben einen freundlichen Charakter, sind gutmütig und strahlen eine unheimliche Ruhe aus, man muss sie einfach mögen. Auf der Farm gibt es Kühe jeden Alters und den Lauf ihres Lebens von der Geburt bis zum Tod erfahren zu dürfen ist eine tolle Erfahrung für uns. Tote Kühe mit dem Bagger zu transportieren ist zwar keine besonders schöne Aufgabe, aber sie gehört genauso dazu wie einer Kuh bei der Geburt ihres kleinen Kälbchens zu helfen. Bereits 30 Minuten nach der Geburt kann das Neugeborene schon laufen und tapst noch etwas ungelenk auf dem Feld seiner Mutter hinterher. Nach einigen Wochen kommen die gleichaltrigen Kälber dann in ein eigenes Gehege, die sogenannte Kindergartengruppe. Dort bekommen sie Heu, Milch und spezielle Futterpellets. Genau wie in einem Kindergarten für Menschen ist hier immer was los, denn die kleinen Racker sind sehr aktiv.

Nach einigen Monaten spricht man dann nicht mehr von einem Kalb (engl.: „calf“), sondern von einer Färse (engl.: „heifer“). Diese sind dann wiederum zusammen mit anderen gleichaltrigen Kühen auf verschiedene Wiesen verteilt. Die Heifer sind eine typische junge Rackerbande. Sobald sie den Traktor mit dem Futter sehen bricht Unruhe auf dem Feld aus und es wird kräftig gemuht. Dann kommen sie in einem großen Pulk zum Traktor gerannt und umrunden diesen solange, bis endlich das Futter rauskommt. Bringt man ihnen frische Strohballen können sie nicht abwarten, bis man die Schnüre der Ballen durchgeschnitten hat, sondern schubsen sich gegenseitig herum, um ja als Erster dort zu sein.

Die älteren Milchkühe dagegen sind sehr relaxt und lassen sich kaum aus der Ruhe bringen. Werden sie zum Melken eingetrieben laufen sie in ihrem typischen gemütlichen Trott zur Melkanlage, schnuppern hier mal am Gras, nehmen einen Bissen vom Baum oder schauen etwas in der Gegend herum. Stress? Kennt eine Kuh nicht, deshalb ist es auch so beruhigend ihnen zuzuschauen. Auf dem Feld beweisen Kühe ein erstaunliches Geschick, wenn es darum geht sich irgendwo zu kratzen. Da sie zum Kratzen manchmal nicht ihre Klauen benutzen können, brauchen sie andere Hilfsmittel. Dafür müssen dann z.B. Strommasten, Zäune, Holzpfosten, ein Schuppen oder ein spitzer Ast herhalten. Manchmal stochern sie mit einem Ast so an ihrem Auge herum, dass es einen beim Zuschauen schüttelt.

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Zudem sind Kühe sehr neugierig und nehmen Gegenstände, die nicht an ihrem normalen Platz stehen, gründlich unter die Lupe. Als wir unsere GoPro Videokamera mal zum Spaß in den Futtertrog gestellt haben, sind einige sehr lustige Videos dabei herausgekommen. Manche Kühe haben einen so speziellen Charakter, dass man sie sofort erkennt. Jacky z.B. ist der Inbegriff der Trägheit. Sie läuft grundsätzlich noch langsamer als alle anderen und wenn man ihr beim Laufen zusieht verfällt man selbst in einen lethargischen Zustand. Holly dagegen, eine Schweizer Kuh, ist das genaue Gegenteil. Sie ist hyperaktiv, ist ständig am Muhen, rennt schon von Weitem auf den Traktor zu und umrundet diesen in aufgeregtem Galopp mehrmals. Wenn dann nicht sofort das Futter herauskommt schaut sie ins Führerhaus des Traktors und sieht einem direkt in den Augen! „Na, jetzt mach schon du lahmer Sack, ich hab‘ Hunger!“

Bulle in der Jauchegrube

Ende März kam es zu einem zunächst gefährlichen, später dann aber (zum Glück) lustigen Ereignis. In den verschiedenen Kuhherden befinden sich auch vereinzelte Bullen. Beim Eintreiben der Milchkühe laufen diese dann fröhlich mit zur Melkanlage (Dairy), sind dort aber logischerweise fehl am Platz. Michelle treibt den Bullen also, wie jeden Tag, zurück auf die Wiese. An diesem Tag jedoch steht auf dem Weg Richtung Wiese (siehe Skizze) ein Traktor, mit dem die Jauchegrube ausgepumpt wird. Der Bulle schaut also nach rechts und nach links und will nicht Richtung Traktor, da er den nicht mag. Da der Weg nach links nicht mit dem Elektrozaun verschlossen ist nimmt er den Weg des geringsten Widerstands, welcher allerdings der falsche ist. Michelle rennt also hinterher und treibt ihn wieder zurück. Der Bulle ist verwirrt und rennt wieder in die Dairy. Von dort kommt der Vater des Farmers und versucht zu helfen, nun ist der Bulle allerdings eingekeilt und nimmt kurzerhand den einzig freien Weg – in die Jauchegrube.

Um das mal näher zu verdeutlichen…

Platsch macht es und Michelle rutscht das Herz in die Hose. Der Bulle ist weg. Versoffen. Komplett in der Scheisse untergegangen. „Ich hab‘ ihn umgebracht“, denkt sie. Einige Schrecksekunden später taucht er wieder auf und schwimmt, bloß in die falsche Richtung. Da die Grube natürlich extrem schlammig ist kommt er aber alleine nicht mehr raus. Also wird kurzerhand der Bagger geholt und der Bulle daran mittels einer Kette herausgezogen. Dieser war dann, wie ihr euch vorstellen könnt, „not amused!“. Anschließend frägt die Farmerin Michelle, wie der Bulle denn nochmal heiße. Und jetzt kommt’s – kein Witz – er heißt „Jumper“ :-D

Die Uhr läuft langsamer

Ganz egal ob das physikalisch, wissenschaftlich oder wie auch immer möglich ist, die Uhren laufen hier in Blighty definitiv langsamer.  Trotz dem Arbeiten und dem nächtlichen Aufstehen sind wir viel entspannter als in Deutschland. Ganz deutlich fällt uns das auf, wenn wir mit Eltern, Freunden oder Verwandten zuhause telefonieren. Fast immer wird das Gespräch von den anderen beendet, denn es wird irgendwo hin gemusst, irgendwas muss erledigt werden oder es heißt „Ich muss Schluss machen, ich muss…“. Muss, muss, muss. Immer muss man irgendwas. Natürlich ging es uns zuhause auch nicht anders, eine gewisse Grundhektik war immer präsent. Ständig ist man im Stress, muss noch dorthin, muss noch schnell was erledigen und hat für nichts Zeit. Stress ist „In“. Wer keinen Stress hat, ist nicht wichtig. Eines hat uns unsere Auszeit in Australien auf jeden Fall schon gebracht: In diese Stressspirale lassen wir uns nicht mehr hineinziehen. Das Leben vergeht auch so schon schnell genug, da muss man nicht auch noch ständig irgendwo hin hetzen.

Hier steppt der Bär… oder auch nicht

Das Leben hier am Arsch der Welt ist tatsächlich so geruhsam, dass wir mehrere Wochen gebraucht haben, um uns daran zu gewöhnen. Mittlerweile sind wir einer gewissen Grundlässigkeit verfallen. Stress oder Hektik gibt es hier nicht. Für uns Deutsche ein ungewohntes Gefühl. Es gibt keinen Stau, keine Ampeln, keine Raser, keine rücksichtslosen Autofahrer, keine chronisch genervten Menschen, keine überfüllten stinkenden Züge. Dass es keine Ampeln gibt ist uns erst vor kurzem aufgefallen, als wir zum ersten Mal seit rund 4 Monaten in einer Baustelle an einer roten Ampel standen (das war uns sogar ein Foto wert). Seit Monaten fahren wir nur noch 70-80 km/h. Wozu schneller fahren?

Pub, Briefkasten, Bushaltestelle. Das war’s

Was bringt es uns eine Minute früher bei der Arbeit zu sein? Wenn man dann doch mal aus Versehen 100 fährt, kommt es einem vor als würde man auf einer deutschen Autobahn 180 fahren. Allein der Gedanke an den deutschen Autoverkehr führt zu Herzrasen und Schweißperlen auf der Stirn. Sobald auf dem Highway, auf dem wir täglich zur Farm fahren, mehr als drei Autos unterwegs sind und wir beim Einbiegen auf denselben anhalten müssen, kommt es uns vor wie Stau. Tatsächlich rief Patrik einmal erzürnt: „Was ist denn das hier für ein Verkehr?!“, bis wir uns der Komik der Situation bewusst wurden und gelacht haben. Natürlich hat das Leben in der Pampa aber auch seine Nachteile. Freizeitaktivitäten? Fehlanzeige (wobei vor einigen Wochen sogar Santana in Deniliquin war!). Mal schnell abends noch was einkaufen? Fehlanzeige. Internet? Gibt es immerhin, aber meist ist es langsam oder fällt komplett aus.

Hilfe, eine Ampel. Wie war das nochmal?

An der Spitze des Nervrankings stehen aber eindeutig die Fliegen. Gegenüber australischen Fliegen sind die deutschen Pendants eindeutig liebenswerte Geschöpfe. Die Fliegen hier sind so nervig und so zahlreich, dass es einen wahnsinnig macht. Wenn wir unseren Container zum Wäsche aufhängen verlassen müssen haben wir sofort 10 Fliegen im Gesicht sitzen. Leider sitzen diese dann nicht nur da, sondern versuchen in die Ohren, in die Augen oder in die Nase zu kommen. Zudem sind sie extrem penetrant und versuchen es immer und immer wieder.

Das liebe Wetter

So sieht beständiges Wetter aus

Von anfänglich über 40°C im Januar sind mittlerweile nur noch rund 20°C übrig geblieben. Gestern Nacht war mit 3°C die kälteste Nacht bisher – da macht das Aufstehen um 3 Uhr noch weniger Spaß. Der Winter rückt unaufhaltsam näher. Irgendwie ist das ein komisches Gefühl, denn man kennt es in dieser Form von einem Urlaub nicht. Die meisten Urlaube sind ca. 2-4 Wochen lang und man erfährt dabei keinen Wechsel der Jahreszeiten. Auch auf unserer bisherigen Reise haben wir das nicht mitbekommen, da wir nie länger als 4 Tage an einem Ort waren. Nun sind wir allerdings schon über 3 Monate an einem Ort und es geht auf Ende April zu. Der Mai ist dann der letzte Monat des Herbsts (vergleichbar mit Oktober/November in Deutschland), ab Juni ist Winter.

Die bisherigen Herbstmonate März und April waren aber noch angenehm warm und es soll (so meinen die Meteorologen) wohl auch nochmal wärmer werden. Ende Februar bekamen wir so starken Regen, dass Patrik mit allen drei Maschinen mehrmals irgendwo auf der Farm steckengeblieben ist. Sieht man den Traktor oder den JCB Bagger zum ersten Mal denkt man: „Ha! Unmöglich mit dem stecken zu bleiben!“. Falsch gedacht, denkt sich das Wetter und beweist uns das Gegenteil. Es schüttet eine Nacht und einen Tag wie aus Eimern. Der Regen donnert in einem solch aggressiven Prasseln auf unsere Hütte, dass man innen sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Danach sind die beiden Acker, auf dem sich die Milchviehherden aufhalten total verschlammt. Fast 50 cm tief ist die Mischung aus Dreck und Kuhscheisse. Beim Füttern bleibt zunächst der Traktor stecken, der Farmer bekommt ihn aber mit langjähriger Erfahrung wieder frei. Vollgas, Differentialsperre rein und dann immer vor und zurück. Irgendwann hat man sich eine kleine Mulde gegraben, aus der man sich dann mit Schwung sozusagen hinauswirft. Hört sich lustig an? Sieht auch so aus.

Das gleiche passiert am nächsten Tag noch zweimal. Danach bleibt Patrik mit dem Bagger in noch üblerem Schlamm stecken, bekommt ihn aber selbst wieder frei. Zu guter letzt wird auch noch der kleine Bagger ein paar Mal eingegraben, welcher dann, wenn alle vier Reifen durchdrehen, aussieht wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt. Um diesen wieder freizubekommen muss man die Heugabeln (die man zu dem Zeitpunkt hoffentlich dabei hat) in den Boden rammen und sich dann an diesen vorwärts ziehen. Einige Wochen nach dem Sturm passiert uns ein weiterer Sturm und sorgt im ca. 100 km entfernten Yarrawonga für mehrere Tornados, bei dem einige Häuser zerstört werden. „Frightening, isn’t it?„, meint unser Farmer. Das kannst du aber laut sagen!

Von 38°C auf 5°C in 2 Tagen

Die weiteren Reisepläne

Sobald wir die Farm verlassen geht es mehr oder weniger auf direktem Weg nach Alice Springs. Auf dem Weg nehmen wir noch den Mungo National Park, die Flinders Ranges, den Oodnadatta Track, Coober Pedy und noch ein paar andere Dinge mit. Ende Mai wird es dort dann auch schon kühler, es ist aber trotzdem noch wärmer als hier. Danach geht es zum Uluru und dann quer durch das Outback nach Perth. Von Perth geht es dann nordwärts in wärmere Gefilde nach Broome, hinüber nach Darwin und dann zurück nach Cairns. Zu genau planen wir nicht, denn meistens ändert man sowieso noch irgendwas. Hört sich an wie ein Katzensprung? Ist es nicht. Sind rund 15.000 km. Aber wer hat das perfekte Auto dafür? Wir, denn Troopy freut sich schon!

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Dieser Beitrag gehört zu unserem Australien Blog, welchen wir während unserer Australienreise von September 2012 bis August 2013 geschrieben haben. Hier geht es zur Übersichtskarte, welche unsere Route sowie Links zu allen unseren Berichten und Fotos enthält!

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